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Foto einer Sumpfschildkröte

Artbeschreibung der Europäischen Sumpfschildkröte

Emys orbicularis (LINNAEUS, 1758)


Die Europäische Sumpfschildkröte Emys orbicularis ist eine kleine bis mittelgroße, einheimische Wasserschildkröte, die über 100 Jahre alt werden kann. Derzeit geht man von sieben Emys Unterarten aus, die sich in Größe, Färbung, Zeichnung, geographischer Verbreitung und Haltung unterscheiden. Generell gilt, die nördlichen Unterarten von Emys orbicularis sind deutlich größer und dunkler als südliche Unterarten. Je nach klimatischen Bedingungen halten Europäische Sumpfschildkröten eine Winterruhe und/oder eine Sommerruhe.

Verbreitung:

Ost-, Süd- und Mitteleuropa, Türkei, Mittelasien, Nordafrika.

Die Nominatform der Europäischen Sumpfschildkröte, Emys orbicularis orbicularis, war bis ins 19. Jahrhundert auch in Deutschland und Österreich durchaus häufig, wurde aber als "Fastenspeise" und wegen klimabedingter bzw. künstlicher Habitatsveränderungen fast ausgerottet. Heute gibt es im deutschsprachigen Raum nur noch Reliktvorkommen. In den Donau-Auen bei Wien leben noch ca. 300 Emys orbicularis. In Mecklenburg-Vorpommern bzw. Brandenburg sind dagegen nur noch sehr kleine Populationen und Einzeltiere bekannt, alles in allem etwa 50 autochthone (einheimische), erwachsene Schildkröten (Haplotyp II b), aber fast keine Jungtiere. Auch in Hessen gibt es einige kleinere Emys-Vorkommen. Bei diesen Tieren ist aber umstritten, ob es sich um einheimische oder um ausgesetzte bzw. entkommene, südländische Emys orbicularis handelt.

Biotop:

In den Hauptverbreitungsgebieten besiedelt die Europäische Sumpfschildkröte die unterschiedlichsten Gewässer, die manchmal im Sommer völlig austrocknen: Flüsse, Bäche, künstliche Kanäle, die Uferbereiche großer Seen, kleinere Teiche, Tümpel bis hin zu künstlich angelegten Viehtränken und sogar leicht brackige Gewässer im Bereich der Flussmündungen. Bevorzugt werden aber stille oder sehr langsam fließende Gewässer mit üppiger Vegetation und in der Nähe sandiger Gebiete für die Eiablage. Junge Emys orbicularis leben hauptsächlich in stark bewachsenen Verlandungszonen bis 50 cm Wassertiefe.

Home Ranges (Reviergröße):

Emys orbicularis besiedeln Wasserflächen von 700m² - 5000m² und bis zu 3 m Tiefe, darüber hinaus machen sie bis zu 4 km lange Landgänge, z.B. zur Eiablage, darüberhinaus erfolgt möglicherweise ein jahreszeitbedingter Revierwechsel. Für Gewässer in Litauen wurden sommerliche Individuendichten von bis zu einem Tier pro 20 m² Wasseroberfläche ermittelt.

Nahrung:

Im Habitat fressen Europäische Sumpfschildkröten überwiegend Wirbellose und Amphibienlarven, gelegentlich kranke Wirbeltiere und Aas, Wasser- und Landpflanzen, Früchte.

Größe:

Je nach Unterart wird die Europäische Sumpfschildkröte etwa 13 cm bis 20 cm groß, seltener bis 23 cm, Weibchen werden größer als Männchen, nördliche Unterarten größer als südliche. In besonders kargen Gegenden sind zwergwüchsige Sumpfschildkröten mit ca. 10 cm - 12 cm SCL bekannt.

Geschlechtsdimorphismus:

(nicht alle Angaben treffen auf alle Unterarten zu, ab etwa 4. Lebensjahr zu erkennen)

Plastron ännliche Sumpfschildkröte Augenfarbe ännliche Sumpfschildkröte
Europäische Sumpfschildkröte (männlich): Plastron konkav, Augen rotbraun


Plastron weibliche Sumpfschildkröte Augenfarbe weibliche Sumpfschildkröte
Emys orbicularis (weiblich): Plastron konvex, Augen gelb

Geschlechtsreife:

In der Natur werden Europäische Sumpfschildkröten meist mit 5-12 Jahren geschlechtsreif, je nach Vorkommen aber auch mit bis zu 18 Jahren; männliche Emys sind früher entwickelt als weibliche

Geschlechterverhältnis, Altersstruktur:

Im Schutzgebiet Kuculishkes in Südwest-Litauen wurde ein Geschlechtsverhältnis (m/w) von 1:3 nachgewiesen. Der Anteil von Jungtieren an der Gesamtpopulation betrug 23 %


Fortpflanzung:

Die Paarungszeit der Europäischen Sumpfschildkröte schließt sich direkt an die Winterstarre an, wobei die Männchen früher aktiv werden als die Weibchen und diese gezielt aufsuchen. Sie erkennen die Aufenthaltsgewässer der Weibchen anhand wasserlöslicher Pheromone, die diese während der Paarungszeit abgeben. Sowohl männliche als auch weibliche Sumpfschildkröten bevorzugen große Partner, was ihnen einen Reproduktionsvorsprung verspricht.
Nach der Paarung werden 3 - 21 Eier in 1 - 3 Eiablagen gelegt, vorwiegend nachmittags bis in die späten Abendstunden im Mai/Juni, gelegentlich bis in den Juli; teilweise weit entfernt vom Wohngewässer. In kälteren Gebieten legen Emys orbicularis nur einmal im Jahr, dafür aber größere Gelege. Auch sehr alte Weibchen sind noch am Reproduktionsprozeß beteiligt, wenn auch nicht immer in jedem Jahr.
Das Geschlecht des sich entwickelnden Embryos der Europäischen Sumpfschildkröte wird - neben einer schwachen genetischen Komponente - über die Bruttemperatur während der thermosensitiven Phase (mittleres Drittel der Embryonalentwicklung) bestimmt. Das gilt insbesondere bei künstlicher Inkubation unter konstanten und relativ extremen Temperaturbedingungen. Die Pivotaltemperatur (Schwellentemperatur) für die Männchen/Weibchen-Bildung liegt bei 28,5°C. Unterhalb von 28°C schlüpfen überwiegend Männchen, über 29,5 °C hauptsächlich Weibchen. Zwischen 28°C und 29°C und bei natürlichen Verhältnissen überwiegt wahrscheinlich die genetische Komponente bei der Geschlechtsfestlegung. Es gibt nämlich trotz der relativ niedrigen Temperaturen in Deutschland einen Weibchenüberhang.
Mittlere Inkubationsdauer bei konstanter Bruttemperatur von 30°C ist ca. 62 Tage. In der Natur ist die Entwicklung deutlich langsamer, bis zu 150 Tage. Nach warmen Sommern schlüpfen die kleinen Emys Ende September / Anfang Oktober. Zweit- und Drittgelege sowie Gelege in kälteren Regionen oder Sommern überwintern nach dem Schlupf häufig noch im Nest. Sie überstehen dann kurzfristig Temperaturen in der Nisthöhle bis zu minus 6 °C. Reichte die Temperatursumme im Sommer jedoch nicht zur bis Schlupfreife, sterben die kleinen Emys über Winter im Ei ab.
Die Größe der Schlüpflinge beträgt bei der Nominatform der Europäischen Sumpschildkröte im Mittel 26 mm, bei einem mittleren Gewicht von 5 g.

Natürliche Feinde:

Vor allem Gelege, Schlüpflinge und Jungtiere der Europäischen Sumpfschildkröte werden Opfer von Wildschweinen, Füchsen, Marderhunden, Mardern, Waschbären, Ratten, Reihern, Möwen, Rabenvögeln und Raubfischen.




Bei Youtube findet sich ein sehr interessanter Film über die Europäische Sumpfschildkröte, Emys orbicularis von Peter Dehoust und Hans-Joachim Martens:

https://www.youtube.com/watch?v=2PS77mKXwa0&feature=youtu.be

 

Die Angaben im Text stammen aus Publikationen und Vorträgen von A. Rhodin et al. 2017), N. Schneeweiß (2003), U. Fritz (2003), J. Poschadl (2003), M. Auer (2002), A.C.M. Meeske & K.J. Rybczynski (2001) und M. Rössler (2000), .



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